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2011-02-04

Zukunftsvisionen

“The minority report” ist ein Action-Film mit Tom Cruise. Dabei geht um eine beängstigende Zukunft, in der noch nicht verübte Verbrechen mit Hilfe von unter Drogen stehenden Sehern vorhergesagt werden können. Potenzielle Täter werden in dieser düsteren Zukunftsvision verhaftet und verurteilt, bevor überhaupt ein Verbrechen geschehen ist.

Zum Glück ist das nur ein Film!

Dachte ich jedenfalls.

Offensichtlich angeregt durch diese Fantasie wurde ein europäisches Forschungsprojekt ins Leben gerufen, welches durch Analyse sozialer Netzwerke und Verhaltensmuster Verbrechen vorhersagen soll. Es geht um INDECT, das “Intelligente Informationssystem zur Unterstützung von Überwachung, Suche und Entdeckung für die Sicherheit von Bürgern in städtischer Umgebung”. Es ist „nur“ ein Forschungsprojekt der Europäischen Kommission, kostet ca. 10 Millionen Euro und soll die automatische Erkennung von terroristischen Bedrohungen sowie von kriminellem, „ungewöhnlichem“ Verhalten oder Gewalt möglich machen. Die Automatisierung soll die frühzeitige Erkennung und Warnung, geringeren Personalbedarf und einen verbesserten Datenschutz ermöglichen.
Wenn man das Projekt aber genauer anschaut, und die Unterlagen (die teilweise auf die Webseite des Projekts veröffentlicht sind) liest, bekommt man keinen wirklich positiven Eindruck. Die Definition des „ungewöhnlichen Verhaltens“ basiert auf einer Umfrage unter ein paar hundert polnischen Polizisten. Als gefährlich eingestuft wird so auch „irgendwo zu lange sitzen“ oder „in die falsche Richtung laufen“. Dazu wird behauptet, das Projekt sähe „nur“ die Zusammenfügung von existierenden Maßnahmen und Datenbanken vor, gleichzeitig ist aber die Rede von Drohnennutzung. Internetüberwachung (Webseiten, Diskussionsforen, UseNet Gruppen, Fileserver, p2p Netzwerke sowie individueller, privater Computer) soll mit einer neuen Suchmaschine möglich gemacht werden. Bei manchen neu eingeführten Konzepten wie „Relationship Mining“ will man gar nicht wissen, was genau gemeint ist.
Keine Frage: Die Innovationsfreiheit ist sehr wichtig, aber diese Art von Projekten, die Teil des 7th Framework Programme sind, könnte besser eingesetzt werden, wenn die Politik von Anfang an tiefer eingebunden wäre. Es gibt natürlich einen Ethik-Rat, der aber hauptsächlich aus Polizisten besteht. Weiterhin wird einerseits dargestellt, dass sich das Projekt im Rahmen der nationalen und EU-Gesetzgebung bewegt. Anderseits wird erklärt, dass es für manche Technologien noch keine Gesetze gäbe. Eine frühere politische Beteiligung könnte zu einsatzfähigeren Projekten führen. Außerdem sollen nicht unsere Gesetze an die Bedürfnisse der Forschung angepasst werden, sondern eher anders herum. Technologische Fortschritte sind gut, aber unsere Begeisterung für sie darf nicht zu bürgerfeindlichen Sicherheitslösungen führen. Nicht alles, was technologisch möglich ist, soll angewendet werden!
In Deutschland haben wir sehr gute Datenschutzregelungen und -prinzipien, wie z. B. Datenvermeidung und Datensparsamkeit (§ 3a BDSG). Es ist beängstigend, wie weit INDECT von diesen Prinzipien entfernt ist. Wir sollen uns auf Konzepte wie „Privacy by Design“ konzentrieren!
Das Projekt soll bald in polnischen Stadien getestet werden, und es war schon mal die Rede von einer Einführung während der Fußball-EM 2012. INDECT ist also nicht „nur“ ein Forschungsprojekt und wir müssen auf alle Fälle wachsam bleiben.
Lesenswert zum Thema: Die schriftliche Erklärung von Abgeordneten des Europäischen Parlaments und die Pressemitteilung von Alexander Alvaro.

Kommentare:

Roland hat gesagt…

Hallo Herr Schulz,

vielen Dank für diesen guten Beitrag zum Thema INDECT!
Weitere Informationen sind auf der (sich derzeit im Aufbau befindlichen) Website

http://www.stopp-indect.info

erhältlich.

Viele Grüße,
Roland Albert
_________________________________
INDECT Koordinator
Piratenpartei Deutschland

INDECT Coordinator
Pirate Party Germany

e: roland (dot) albert (at) piratenpartei (dot) de
t: twitter.com/stoppINDECT

http://www.stopp-indect.info
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cebioslo hat gesagt…

In den USA wird auch schon seit längerem an Methoden der Kriminalitätsvorhersage gearbeitet:
http://latimesblogs.latimes.com/lanow/2010/08/lapd-tries-to-predict-crimes-before-they-occur.html